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  • AutorenbildGianreto Gamboni

Kernkraft - Quo Vadis?

Die geopolitischen Spannungen haben in verschiedenen Ländern die Debatte bezüglich Energieunabhängigkeit befeuert. Klimapolitisch wird zudem eine Energieproduktion favorisiert, die möglichst wenig CO2-Emissionen verursacht.  Dadurch ist die Kernkraft wieder vermehrt in den Fokus getreten.


Renaissance der Kernkraft? Der Faktencheck.


Als Kern- oder Atomenergie bezeichnet man die seit den 1950er Jahren eingesetzte Technologie zur Energieproduktion mittels Kernspaltung.  In den Kernkraftwerken wird dabei Wärme resp. Dampf erzeugt. Damit werden Turbinen angetrieben und letztlich Strom produziert.


Immer wieder hört man von der Renaissance der Kernkraft.  Die Zahlen zeigen jedoch, dass dies global nicht der Realität entspricht. Gemäss dem World Nuclear Industry Status Report ist der Anteil der Kernenergie an der weltweiten kommerziellen Bruttostromerzeugung 2022 auf 9.2% gesunken, dem niedrigsten Stand seit vier Jahrzehnten. 1996 lag der Anteil bei 17.5%.


Anfang 2024 waren weltweit 414 Reaktoren in Betrieb, der Höchststand betrug 438 (2002). Am meisten Reaktoren nutzen die USA, gefolgt von China und Frankreich (Tabelle 1). Im Jahr 2022 wurden weltweit sieben Blöcke an das Netz angeschlossen, fünf wurden stillgelegt. Von 2003 bis 2022 gab es weltweit 99 Inbetriebnahmen und 105 Stilllegungen. China ist Spitzenreiter mit momentan 27 Reaktoren im Bau. Frankreich will bis 2050 14 neue Anlagen errichten, um energieautark zu werden und bis 2050 Kohlenstoffneutralität zu erreichen.


Mindestens 24 der 58 laufenden Bauprojekte sind jedoch in Verzug. Daraus resultieren immer wieder Kostenüberschreitungen.  So hat Finnland mit einer 14-jährigen Verspätung den europaweit leistungsstärksten Atomreaktor Olkiluoto 3 erst letztes Jahr ans Netz gebracht. Er soll elf Milliarden Euro gekostet haben – etwa viermal so viel wie ursprünglich geplant. Auch im Falle des britischen Atomkraftwerks Hinkley verzögert sich die Fertigstellung um Jahre und die Kosten sind beträchtlich höher als anfänglich veranschlagt. Als Gründe wurden u.a. der Mangel an Arbeitskräften und Material sowie die Inflation aufgeführt.


Grafik 1: Kernkraftwerke weltweit (2024).


Stromerzeugungskosten – Ein Vorteil für Atomstrom?


Grafik 2 zeigt die Stromgestehungskosten (LCOE: Levelized Cost of Electricity) von verschiedenen Energiequellen in der EU für 2021 und 2030, welche in einer Studie der Deutschen Bank publiziert wurden. Die Werte beruhen auf Daten der IEA (International Energy Agency) und IRENA (International Renewable Energy Agency). LCOE sind die Kosten für den Bau und den jährlichen Betrieb einer Anlage im Verhältnis zum produzierten Strom über die gesamte Lebensdauer einer Anlage. Die einzelnen Werte können je nach Standort, Technologie und Marktsituation variieren.


Grafik 2: Stromgestehungskosten in der EU (LCOE, in USD-Cent/kWh).

Quelle: Deutsche Bank, IEA, IRENA


Für die wahren Kosten sollten jedoch auch die externen Kosten berücksichtigt werden. Darunter versteht man jenen Anteil an den Gesamtkosten, der nicht vom Verursacher, sondern von der Allgemeinheit getragen wird. Gerade bei der Kernkraft sind sie von grosser Bedeutung. Dazu zählen gesundheitsschädigende Strahlenemissionen beim Uranabbau, ein atomarer Unfall in der Betriebsphase, ein terroristischer oder militärischer Angriff auf ein Kernkraftwerk und die Endlagerung. Das Risiko eines atomaren Unfalls wird z.B. berechnet, indem man die Eintrittswahrscheinlichkeit mit den zu erwartenden Schäden multipliziert. Beide Grössen sind jedoch mit einer sehr hohen Unsicherheit behaftet und folglich resultieren je nach Standpunkt stark divergierende Zahlen. Die Summe ist jedoch in jedem Fall so hoch, dass keine Versicherung sie übernimmt.  Wenn man bei der Kernkraft alle Kosten und Subventionen berücksichtigt, ist sie privatwirtschaftlich nicht rentabel. Zudem sind die Vorräte beim Uran begrenzt und man ist teilweise von Importen aus politisch instabilen Ländern abhängig.


Atomstrom – wirklich CO2-frei?


Im Vergleich zu den fossilen Brennstoffen werden bei der Kernkraft minimale Treibhausgasemissionen emittiert. Ganz CO2-frei ist sie jedoch nicht. Zentral ist, die vor- und nachgelagerten Stufen, d. h. den vollständigen Lebenszyklus zu berücksichtigen und nicht nur die die Stromproduktion.  Betrachtet man den gesamten Lebensweg – von Uranabbau, Brennelementherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung – so ist in den einzelnen Stufen teilweise ein hoher Energieaufwand nötig, wobei Treibhausgase emittiert werden.  Gemäss Bundesamt für Energie liegen sie gesamthaft zwischen 10-20 Gramm CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde. Der Weltklimarat (IPCC, 2014) geht von einer Bandbreite von 3,7-110 Gramm CO2-Äquivalenten aus, der Median beträgt 12 Gramm.


Grafik 3: Treibhausgasemissionen von Stromproduktionstechnologien

(in g C02-eq/kwH, 2017).

Quelle: Hinder Asset Management


Wenige Anlageprodukte am Markt


Wir haben drei ETFs identifiziert, die sich auf das Thema Kernenergie fokussieren. Sie bieten den Anlegern Zugang zu Unternehmen, die im Uranbergbau und in der Produktion von Nuklearkomponenten tätig sind. Da diese Produkte noch nicht lange auf dem Markt sind, kann man bezüglich Performance keine relevanten Aussagen machen.  Spezifische Risiken bei derartigen Anlagen sind das regulatorische Umfeld und die Preisschwankungen von Uran.


Tabelle 1: ETFs im Bereich Kernkraft.


Name

ISIN

Index

AuM (Mio. USD)

TER

Lancierung

Global X Uranium UCITS ETF

IE000NDWFGA5 

Solactive Global Uranium Miners

171

0,65%

22.04.2022

HANetf Sprott Uranium Miners UCITS ETF

IE0005YK6564

Sprott Uranium Miners

270

0,85%

03.05.2022

VanECK Uranium and Nuclear Technologies UCITS ETF

IE000M7V94E1

MarketVector Global Uranium and Nuclear Energie Infrastructure

60

0,55%

03.02.2023


Quelle: Bloomberg, Hinder Asset Management



Grafik 4: Kursverlauf von ETFs im Bereich Kernkraft (in CHF).


Quelle: Bloomberg, Hinder Asset Management


Grafik 5: Kursverlauf von Indizes im Bereich Kernkraft (in CHF).


Quelle: Bloomberg, Hinder Asset Management


Fazit und Ausblick


Kernkraftwerke produzieren normalerweise konstant Strom (Bandenergie) und decken damit einen Teil des Grundbedarfs ab. Im Vergleich zu der fossilen Energieproduktion entstehen dabei minimale Treibhausgasemissionen. Das sind Faktoren, die für die Kernkraft sprechen. Auf der anderen Seite gibt es negative Faktoren. Dazu zählen Sicherheitsbedenken während der Betriebsphase und die ungelösten Fragen bei der Entsorgung des radioaktiven Abfalls. Kopfzerbrechen bereiten die hohen Kosten beim Bau von neuen Kernkraftanlagen mit teilweise massiven Kostenüberschreitungen. Auch technologische Fortschritte, die hinter den Erwartungen zurückbleiben und die erhöhte Wettbewerbsfähigkeit von anderen Energiequellen könnten die Zukunftsaussichten der Kernkraft beinträchtigen. Bei erneuerbaren Energien würde sich die Attraktivität beispielsweise nochmals verbessern, wenn man das Problem der Speicherung besser lösen würde.  


Die Atomkraft ist eine Technologie, bei der kleine Fehler massive Auswirkungen haben können. Auch wenn einiges dafür gemacht wird, um die Sicherheit zu verbessern, die Risiken bleiben.  Durch die Kernfusion (Energieproduktion nach dem Vorbild der Sonne) erhofft man sich den technologischen Durchbruch. Daran wird geforscht, aber bis zu einer allfälligen Kommerzialisierung wird es noch sehr lange dauern. Auch wenn einige Länder neue Anlagen planen resp. bauen, dürfte der Beitrag

der Atomkraft an der globalen Stromerzeugung in nächster Zeit nicht signifikant steigen.

Es gibt Gründe für und gegen Atomkraft. Die persönliche Einschätzung hängt stark davon ab, wie man die Chancen und Risiken der Atomkraft sowie der mit ihr in Konkurrenz stehenden Technologien gewichtet.


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The Journal of Finane 68.3, S. 929–985.

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